Zwischen Eile und Vernunft
© by Katajama
Hektisch schob Mark sein Fahrrad die Kellertreppe hinauf. Schnell und unregelmäßig ging sein Atem, als er die Tür des Treppenhauses erreicht hatte. Rasch stieß er sie auf. Die Sonne schien hell vom Himmel herab, und reflektierte sich in Marks goldenen, ungekämmten Haaren. Zum Frisieren war keine Zeit gewesen, denn dieser Tag sollte doch der wichtigste der gesamten Schulzeit werden. Ohne eine weitere Sekunde zu verlieren, setzte er sich auf sein Rad, und trat so stark er nur konnte in die Pedale. Schneller und immer schneller, raste Mark die öde Strasse entlang, die Grünfläche auf der einen, die Blockbauten auf der anderen Seite. Alles verwandelte sich vor seinem Auge in verschwommene Flächen, aus monotonen grün und grau. Doch das war ihm egal. Auch das sein Herz stark schlug. So stark, das es bereits schmerzte. Er konnte den Gedanken einfach nicht ertragen sich zu verspäten – nicht diesmal.
Mit jeder Sekunde die verging, drängte sich immer mehr das Gefühl auf an eine Klippe geleitet zu werden, auf einem stetig enger werdenden Weg. Mit jedem Meter ein wenig dichter an den Abgrund. Selbst dies versuchte er zu ignorieren. Es war einfach zu wichtig, denn heute war es soweit. Die Abiturprüfung. Mit diesen quälenden Gedanken raste Mark blind die Strasse hinunter. Schnell und immer schneller. Selbst über die eine und andere rote Ampel. Doch dann, direkt vor sich sah er es. Hektisch fuhr er sich mit der Zunge über die salzigen, aufgesprungenen Lippen, doch das bemerkte er nicht. Die Ampel am Gartenverein. Grade diese Ampel an einer kleinen Kreuzung, welche die Zufahrtsstrasse zum Vereinsheim, beseelt mit hohen Hecken, eine uneinsehbare Strasse, beherbergte. Eine Sekunde dachte er darüber nach lieber zu halten, doch die innere Unruhe malträtierte seinen Körper und trieb ihn fast zum Wahnsinn. Vom kalten Schweiß durchfeuchtet, warf er einen Blick auf seine Uhr. Noch während seine Augen die Stellung der Zeiger aufnahmen, passierte er die rote Ampel. In dieser Sekunde, in der Mark sein Blick von den Zeigern abwandte, verdunkelte etwas seinen Augenwinkel. Sofort packte ihn ein dumpfer Schlag und lenkte sein Rad auf den Holzzaun eines Gartens zu. Der darauf folgende Aufprall nahm ihm schmerzhaft das Bewusstsein.
Kälte war es, was seine Sinne zuerst wahrnahmen. Langsam öffnete er seine Augen und drehte den Kopf. Mark sah, wie sein Fahrrad, verbogen und schmutzig, neben ihm auf dem Boden lag. Direkt dahinter, befand sich der kaputte Zaun des Gartens. Augenblicklich realisiere er, das er den Zaun durchbrochen hatte, und er sich nun im Inneren des Gartens befand. Langsam richtete er sich auf. Sein Stand hatte etwas seltsames, gerade so als würde er auf einen Meer aus Watte stehen. Komischerweise konnte er keinerlei Verletzungen feststellen, und auch das Gefühl von Schmerz war in eine unerreichbare Weite gerückt worden. Nur seine Augen spielten ihm einen Streich, denn alles was er betrachtete, wirkte leicht verschwommen, grade so, als würde sich ein sanfter Schleier über den Garten gelegt haben. Doch das war nicht alles. Es herrschte Stille, als wäre Mark der einzige Mensch weit und breit. Verunsichert verschränkte er die Arme und zog den Kopf heran. Einige Momente stand er einfach so da, ohne noch an die Zeit zu denken. Sie interessierte sie Mark überhaupt nicht mehr. Schließlich wagte er sich, ein paar Schritte voran. Zwar glaubte er seinen Puls vor Aufregung bereits im Hals pochen zu spüren, doch in Wirklichkeit war Mark unerklärlich ruhig und gelassen. Nach weiteren Schritten sah er einen kleinen Tisch stehen, ein Mädchen seines Alters saß davor. Sanft drehte das Mädchen den Kopf, und lächelte Mark zu. »Willkommen. Bitte, setz dich zu mir.«, sprach sie mit einer Stimme, gefüllt mit Wärme und Verständnis. Fuß um Fuß näherte er sich an. Das Mädchen war wunderschön. Sie hatte goldene, lange Haare und ein weißes luftiges Kleid an. »Wer bist du? «, stotterte Mark unsicher. »Hab keine Angst«, erwiderte sie lächelnd. Ihre Worte waren so sanft, als umspielten sie Mark, um ihn zu wärmen. »Du hattest einen Unfall, deshalb bin ich hier.« Mark erinnerte sich wieder. »Woher weißt du das? Und wieso bin ich nicht verletzt?«, brach es unsicher aus ihm heraus. Er wusste, irgendetwas stimmt nicht, dennoch war es Mark unmöglich, etwas wie Furcht zu spüren. Das Mädchen stand auf, und kam auf Mark zu. Leicht, wie ein Blatt im Wind, hielt sie ihm die Hand hin. »Ich bin wegen dir gekommen. Bitte hab Vertrauen, es ist unumgänglich.« Das seidige Tuch schien sich weiter zu verdichten. Zögerlich nahm er ihre Hand. »Ich bin Marina.«, flüsterte sie Mark zu. Noch während ihre Worte verstummten, schloss sie sichtlich erleichtert die Augen. Anmutig legte Marina ihren Kopf zurück. Ein Meer aus gleißendem Licht umhüllte sie. Dann hörte Mark wieder ihre Stimme, ohne dass sich ihre Lippen bewegten. »Mark«, ertönte es in seinen Gedanken. Er fühlte sich sehr schwer, grade so als ob er sich schnell gedreht und dann auf den Rücken gelegt hätte. »Ich, Marina, werde dich führen.« Marks Orientierung versagte, er wusste nicht ob er stand oder lag. »Mark, dies ist dein Todestraum. Folge mir und schließ deine Augen.« Leise hörte er die Stimme, als wäre sie plötzlich sehr weit weg. Zuversichtlich und erleichtert schloss er die Augen. Er fühlte Wärme. Jegliche Schwere wich aus seinen Gliedern und ergaben sich einem Gefühl, frei von Angst. Denn er wusste, er ist unter Freunden.